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„EIN ANDERES BILD” – afrikanische Startups und ihr Weg in die Zukunft

Für einen Menschen, der in wohlbehüteten Umständen Westeuropas aufgewachsen ist, klingt Ruth Nabembezi´s Geschichte unvorstellbar. Ruth wird 1995 in Uganda geboren. Ihre Eltern sterben früh an AIDS und zusammen mit ihrer Schwester wächst sie in einem Waisenheim auf. Eines Tages geht es ihrer Schwester, die schon mit AIDS auf die Welt kam, schlechter und sie verliert schnell an Gewicht. Die Nachbarn machen einen Dämonen dafür verantwortlich und bringen sie an einen Ort, um diesen dort auszutreiben. Nur wenige Tage später stirbt die Schwester.  Mit richtiger medizinischer Diagnose und Betreuung hätte der frühe Tod ihrer Schwester verhindert werden können.

Ihre Geschichte erzählt mir die 21-jährige Ruth als ich sie Ende März auf der Computermesse CeBIT treffe und der tragische Anfang dieser Geschichte enthält vielleicht all das, was uns Europäern sofort in den Sinn kommt: Afrika, ein Kontinent, der gefangen ist in einem Geflecht aus Tod, Aberglaube und Perspektivlosigkeit. Ein Geflecht, das verstärkt wird durch Bürgerkriege, Gewalt und Hunger und das uns so unlösbar erscheint. Doch es ist nur der erste Teil der Geschichte und das, was mir Ruth weiter erzählt, eröffnet einen ganz anderen Blick – optimistisch, voller Energie und von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft inspiriert. Denn Ruth´s Geschichte nimmt eine Wendung als sie nach ihren Erlebnissen an einem Programm der Social Innovation Academy (SINA) teilnimmt. Dieses Programm wurde ins Leben gerufen, damit Menschen aus ihren traumatischen Erfahrungen positive Projekte für einen sozialen Wandel entwickeln. Das ist die Initialzündung für Ruth´s Startup “Ask without shame”.

“Ask without Shame” erstellt eine App, welche es Teenagern und jungen Erwachsenen erlaubt, accurate Informationen über Sex zu erhalten. Über Sex zu reden ist in vielen afrikanischen Gemeinden ein Taboo und „Ask without Shame“ liefert anonyme und potentiell lebensrettende Information. Die App startet am 12. Dezember 2015, dem ersten Innovations-Tag in Uganda. Mit 2.000 Stickern bewerben Ruth und ihre Kollegen die App in Fahrzeugen des öffentlichen Busverkehrs und seit dem Start beantworten sie mithilde der App 10.000 Fragen von über 6.000 Usern. Ruth Nabembezi´s Geschichte zeichnet das Bild eines anderen, neuen Afrikas, eines Afrikas, in dem Menschen ihre Probleme mithilfe von Ideen und Technologie lösen wollen. Doch diese gerade gewählte Formulierung verrät schon ein Problem in der europäischen Sicht auf die Entwicklung in Ländern wie Uganda. Denn immer noch sprechen wir meistens über Afrika als Gesamtheit und verlieren dabei die ungeheure Vielfalt des Kontinents aus den Augen. 54 Länder und 1.1 Milliarden Menschen lassen sich schwer unter dem einen Begriff Afrika subsummieren und analysieren.

Und die meisten Menschen werden an dieser Stelle (der Autor eingeschlossen) sich eingestehen, dass sie “Uganda” ersteinmal bei Wikipedia eingegeben haben, um mehr über Lage und Situation dieses Landes zu erfahren. Wenn man Uganda nach Norden verlässt, gelangt man in den Südsudan, einem Land, das es vor einigen Jahren noch gar nicht gegeben hat auf der politischen Karte Afrikas. Es ist die Heimat von Lou Koboji, Gründer des Kajo-Keji Instituts, des ersten gemeinnützigen Instituts für Gesundheitstraining, welches bei einem Süd Sudanesen aufgebaut wurde. Lou Koboji verbrachte 26 Jahre seines Lebens als ein Flüchtling in Uganda, wo er sein Studium für Biomedizinische Labortechnik vollendete, eine Familie gründete und einen gut gesicherten Job hatte. In 2012 wird ihm jedoch angeboten, temporär als HIV/AIDS-Berater in seinem ursprünglichen Heimatland Süd Sudan zu arbeiten. Dort, im Landkreis Terekeka, macht Lou die Bekanntschaft von Kiden und anderen werdenden Müttern. Diese werden zu Hause von traditionellen Geburtshelfern betreut, anstatt in einem Ärztezentrum von medizinisch ausgebildeten Kräften, wie er es erwartet hätte. Als er erfährt, dass Kiden während der Geburt ihres Kindes verstorben ist und dass dies hätte verhindert werden können mit der korrekten medizinischen Betreuung, erkundigt sich Lou weiter. Bald erfährt er, dass Süd Sudan die höchste Müttersterblichkeit weltweit hat, mit 2.054 per 100.000 Lebendgeburten und 16 Frauen, welche täglich aufgrund von Schwangerschaftskomplikationen versterben.

Lou fährt mit seiner Beratung-Arbeit in den Gebieten des Oberen Nils des Landes fort und trifft auf mehrere Fälle von Guineawurm, eine Erkrankung, welche in Uganda und den meisten anderen Ländern ausgerottet ist. All diese Anzeichen eines mangelhaften Gesundheitssystems im Süd Sudan führen schließlich dazu, dass Lou sich entscheidet sein sicheres Leben in Uganda aufzugeben. Mit seiner Familie kehrt er in sein Heimatland zurück, um einen Unterschied zu machen und um zum Aufbau des Gesundheitssystems im Süd Sudan beizutragen – er gründet sein eigenes Gesundheitstraining Institut.
Er benötigt 9 Monate für die Organisation der Infrastruktur und der Mitarbeiter und um all administrativen Schritte abzuschließen. Von da an ist das Kajo-Keji Institut ein im Süd Sudan anerkanntes und registriertes Institut. Er finanziert die Gründung mit seinen Ersparnissen und verbessert die finanzielle Situation durch internationale finanzielle Unterstützung durch Bootstrapping. Im Januar 2014 können die ersten 50 Schüler ihre Studien in Lous Gesundheitstraining Institut beginnen. Die ersten werden dieses Jahr mit ihrer Ausbildung fertig werden. Momentan werden 208 Schüler im Kajo-Keji Gesundheitstraining Institut ausgebildet. Das Institut lässt jeweils 5 Schüler von jeder der 10 Regionen des Süd Sudans in eine neue Klasse für „Medizinische Laborwissenschaften“ oder „Klinische Medizin und Gesundheitswesen“ zu. Ziel dessen ist es, die Schüler nach Fertigstellung ihres Diploms zu ermutigen, in ihre Heimatregionen zurückzukehren und somit das Gesundheitswesen flächendeckend für das gesamte Land zu verbessern. Momentan kämpft Lous Startup noch mit der instabilen politischen Lage des Süd Sudans, sowie den daraus folgenden Problemen wie Inflation und Mitarbeiterbindung. Lou wird weiterhin Startup-Konferenzen besuchen, auf der Suche nach Unterstützung, und wird weiterhin sein Institut ausbauen, um sein Ziel zu erreichen – Leben im Süd Sudan zu retten.
Genau wie Lou Koboji’s Geschichte zeigt die Geschichte des Startups BRCK, das die Probleme in den Ländern Afrikas am besten von den Menschen selbst gelöst werden, so gut wie es kein externes Entwicklungshilfe-Projekt je leisten könnte.

BRCK ist ein Tech-Startup, welches ein robustes, selbst mit Strom versorgendes WIFI-Gerät baut, welches es dir ermöglicht, dich, wo auch immer du bist, mit dem Internet zu verbinden. Es gibt mehrere mögliche Anwendungsbereiche für dieses Gerät – einer der vielversprechendsten und offensichtlichsten ist der Bereich der Bildung. Daher haben sie ein Bildungssystem namens KIO Kit zusätzlich zum BRCK gebaut. „Wir bezeichnen es als ein digitales Klassenzimmer in einer Kiste. Es besteht aus einer Kiste, welches 40 Tabletts, 40 Kopfhörer und ein BRCK beinhaltet. Der Hauptzweck des BRCKs im KIO Kit ist die Speicherung von Inhalten und der Zugang zum Internet“, erklärt Alex Masika, Leiter von BRCK. BRCK will mit seinem System Bildung in die entlegensten Gegenden Afrikas tragen und addressiert damit ein weltweites Problem, das jedoch am besten unter den besonderen Gegebenheiten in Kenia entwickelt werden konnte. „BRCK wurde unter der Prämisse der mit dem Internet und Internetverbindung verbundenen Herausforderungen in Afrika gegründet. Die meisten Lösungen, die momentan verfügbar sind, wurden unter Berücksichtigung der afrikanischen Infrastruktur gebaut. Die Gründer von BRCK haben sich hingesetzt und darüber nachgedacht, warum sie nicht ihrer eigene Lösung bauen könnten, welches sich mit ihren eigenen Bedürfnisse als Afrikaner befasst. BRCK ist ein nachfrageorientiertes Produkt. Es wurde von Leuten gebaut, welche die Herausforderungen denen Afrika gegenübersteht, verstehen.“ Und wenn es in Kenia funktioniert , warum sollte es dann nicht überall auf der Welt funktionieren und warum nicht auch in den Flüchtlingslagern in Europa und an den europäischen Grenzen, in denen Bildung nicht oberste Priorität besitzt.

Dass diese Ideen sehr wertvoll sein können, erkennen auch große Konzerne wie zum Beispiel Merck, der zusätzlich zu einem Accelerator Programm in Darmstadt, Deutschland, seit April diesen Jahres einen Accelerator-Standort in Nairobi betreibt.

Der Merck Accelerator in Nairobi fokussiert sich auf digitale Gesundheitslösungen, also im Prinzip auf mobile Lösungen im Gesundheitssektor. Der Fokus des Programms liegt dabei auf Startups aus den Bereichen Gesundheitswesen, Biowissenschaften und Hochleistungwerkstoffe.
„Das Programm läuft für drei Monate, also liefern wir Fördermittel. In Darmstadt sind es mindestens 25.000 Euros, in Nairobi sind es 15.000 US Dollar. Wir bieten auch ein Betreuer-getriebenes Programm für drei Monate. Wir unterstützen alle Startups mit Betreuern von Merck. Es sind also Experten aus den 40.000 Mitarbeiten, welche wir weltweit bei Merck haben.“, sagt Munya Chivasa, Innovationsberater am Merck Innovations Center.
Sein Kollege Karin Fassbender leitet den Nairobi Merck Accelerator.

Munya Chivasa hat Einblicke in beide Welten: Afrika und Europe. Gibt es Unterschiede zwischen europäischen und afrikanischen Startups?
“Es gibt mehr Gemeinsamkeiten, als die meisten Leute denken. Die meisten afrikanischen Startups sind sehr Missions-orientiert. Sie alle haben eine Mission und sind sehr leidenschaftlich, wenn es darum geht eine Lösung zu finden und diese Lösung unter die Leute zu bringen. Manchmal kommt das Business Model, dessen, was sie erreichen wollen, ein wenig zu kurz. Jedoch haben sie den gleichen Antrieb und die gleiche Motivation. Sie sind sich dessen bewusst, dass sie ein Unique Selling Point benötigen und dass sie dem Kunden etwas bieten müssen. Sie sind sich dessen bewusst, dass es einen Wettbewerb gibt, jedoch sie sind sehr bereitwillig zu kollaborieren“, sagt Munya Chivasa.

Ako Gunn ist einer dieser jungen Gründer mit einer starken Idee. Er ist ein junger Mann aus Togo, welcher momentan seinen Master in „Social Business und Unternehmertum“ in Frankreich macht. Gleichzeitig arbeitet er jedoch am Launch seines Startups “Proud Togo”. Nachdem er andere junge Menschen mit Plänen, zur Veränderung der Welt beizutragen, auf der Studenten Organisation AIESEC in Togo trifft und da er selbst in einem Entwicklungsland mit Problemen wie Gesundheitsrisiken und Ernährungsunsicherheit aufwuchs, entschiedet Ako, dass er auch zur Veränderung der Welt beitragen will. Er weiß, dass trotz all der Probleme bezüglich Nahrung in Togo, sein Land ein sehr hohes landwirtschaftliches Potential haben soll. Er beginnt mit seiner Recherche und trifft auf die Problematik der Verschwendung von Lebensmitteln. Insbesondere in Togo werden ca. 40 % der landwirtschaftlichen Produktion verschwendet und zusätzliche 10-15 % werden verloren während der Verarbeitung, des Transports und der Lagerung. Daher ist Akos Idee, ein kleines und mittleres soziales Unternehmen zu gründen, welches die Feldfrüchte, die auf dem Feld zurückgelassen werden, da sie als unverwendbar betrachtet werden, zu re-evaluieren. Durch eine innovative Partnerschaft zwischen Herstellern und lokalen Leuten wird “Proud Togo” diese Feldfrüchte aufsammeln, sortieren und zu Produkten, wie Saft, Püree oder Marmalade verarbeiten. Diese Produkte werden für verschiedene Kundengruppen entwickelt werden, zum Beispiel für den Einzelhandel, Gemeinschaften, Gastronomie und Tourismus. Akos Ziel ist es dieses Jahr im Dezember heimzukehren und eine solide Basis aus Crowdfunding und Machbarkeitsstudien aufzubauen, auf der er dann “Proud Togo” starten kann. Ruth hat den Schritt zur Gründung schon erfolgreich gemeistert. Die größte Herausforderung ist wie bei jedem Startup: wie kann ich mit meiner Idee, mein Leben bestreiten und Geld verdienen. Ruth arbeitet an einer tragfähigen Lösung. Was benötigt sie momentan?

“Unsere User teilen Informationen mit uns, welche sie mit niemand anderem teilen. Viele von ihnen wollen von unserem medizinischen Team behandelt oder beraten werden und momentan testen wir unser Erlösmodell durch eine Partnerschaft mit einer reproduktiven Gesundheitsklinik in Kampala, um unsere Benutzer zu behandeln. Wir möchten ein freemium Model kreieren, mit dem unsere Platform alle Fragen mit Bezug zu Sexualität kostenlos beantwortet, aber falls User offline medizinische Behandlung oder weitere Unterstützung benötigen, können sie in unsere Klinik kommen. Durch das Revenue der Klinik wollen wir “Ask Without Shame” als ein Ganzes aufrechterhalten.”
Es ist ihr Ziel bis Ende 2016, diese eigene Klinik, die auf Sexualmedizin und Gesundheit spezialisiert ist zu gründen, um dort ihre User die Möglichkeit einer Behandlung zu bieten. Darüberhinaus hat Ruth Anfragen aus Kenia und Tanzania, die “Ask Without Shame” in ihren Ländern nutzen wollen. “Jedoch haben wir gerade erst angefangen mit der Prototypentwicklung und sind noch von Spenden abhängig, um Fragen beantworten zu können und insbesondere, um unsere “Ask Without Shame”-Klinik aufzubauen.“, sagt Ruth. Und so nutzt sie jede Gelegenheit der Welt dort draußen von ihrer großen Idee zu erzählen. Im Juli reist sie zum Global Youth Summit in die Schweiz, um Unterstützer zu finden. Und eines Tages will sie dann 250 Millionen Jugendliche in Afrika erreichen können. Das sind die Träume, die Gründer wie Ruth inspirieren und so sie wird ihre ganz eigene Geschichte fortschreiben und uns mit ihr von einem neuen, ganz anderen Afrika erzählen.

Sarah und ich wurden gebeten, diesen Artikel über afrikanische Startups für die Falling Walls Fragments zu schreiben.
Hier kannst du den Artikel “A DIFFERENT PICTURE” – AFRICAN START-UPS AND THEIR WAY TO BUILD THE FUTURE” lesen

This post is also available in: Englisch

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