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Crunchbase Innovation Report 2016

Vor kurzem lief die Dokumentation “Go West, Ihr Genies! – Warum so viele Deutsche ins Silicon Valley flüchten” von Marion Schmickler und Oliver Richardt in der ARD. Der Film erzählt die Geschichte von deutschen Gründern, die ihr Glück im Silicon Valley suchen anstatt in Deutschland. “Zu innovationsfeindlich, zu bürokratisch, zu wenig risikofreudig” sei Deutschland und so seien sie dorthin gegangen, wo sie ihren Traum leben können.
Doch ist es wirklich so? Haben wir den Anschluss uneinholbar verloren? Oder gibt es doch noch Hoffnung angesichts des Hypes um die neue Startup Boomtown Berlin?

Jedes Jahr gibt die Startup Plattform Crunchbase  den “global innovation investment report” heraus und blickt darin auf das Venture Capital-Geschäft des vergangenen Jahres zurück.
Ein Blick in die Zahlen wird zeigen, wie es wirklich aussieht.
Die Überblicks-Zahlen des Reports sind schnell aufgelistet:

  • die gesamte investierte Summe weltweit (Venture und Seed-Funding) ist im Jahr 2016 um 19 Prozent auf 176 Milliarden Dollar gestiegen
  • in den USA ist die Summe der Venture Capitals (VC) jedoch um 11 Prozent gefallen (von 86 Milliarden auf 76 Milliarden)
  • besonders im letzten Quartal Q4 des Jahres gab es in allen Bereichen (Seed, Early Stage  und Late Stage) in den USA einen Einbruch um etwa 32 Prozent

Das allein hilft aber wenig weiter in der Frage, wie es um Deutschland bestellt ist. Dafür müssen wir tiefer in die 75-Seiten des Reports einsteigen.
Das sind die Ergebnisse, wenn man aus der Ansammlung und den Statistiken die für Deutschland relevanten Fakten herausfiltert.

  • unter den 20 führenden VC-Firmen findet sich keine in Deutschland ansässige Firma
  • auch unter den Seed-Investoren findet sich kein deutscher Investor (auch wenn zum Beispiel Techstars und andere auch Accelerator-Programme oder Inkubatoren in Berlin haben)
  • weder bei den bedeutenden Startup-Akquisitionen oder Börsengängen 2016 war ein deutsches Unternehmen dabei (Akquisitionen: 7 Startups aus den USA, 1 China, 1 England, 1 Finnland / Börsengänge: 11 USA, 1 China, 1 Japan / S.9 Report)
  • auf den dann folgenden 14 Seiten (S. 13-27) schlüsselt der Report die Investments, Akquisitionen und Unicorn-Bewertungen (1 Startup, das mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet wird) für die Bereiche Transport, Artificial Intelligence, AR und VR, Fintech, Security, Genetics, Workplace Collaboration auf. Darunter findet sich nur eine einzig deutsche Firma: CureVac, ein Biotech-Unternehmen aus Tübingen, das Arzneimittel auf Grundlage von mRNA entwickelt.
  • CureVac wird mit 1,65 Milliarden Dollar bewertet und war 2015 viel beachtet, weil Bill Gates in das Unternehmen investierte (Artikel aus der Süddeutschen Zeitung von Helga Einecke). Mein Kollege Sascha Karberg hat schon 2012 im Technology Review über CureVac geschrieben. Ein Interview (auch von Sascha Karberg) mit einem anderen großen CureVac Investor, Dietmar Hopp (ja, genau der, der auch den Fussball-Klub hat) aus Brand Eins findet ihr hier.

Mit CureVac nur ein einziges deutsches Wissenschafts-Startup im Report

Ok. Sieht erst einmal auf den ersten Blick ernüchternd aus: keine bedeutende VC Firma, kein wichtiger Seed-Investor in Deutschland und nur 1 deutsches Unternehmen unter den insgesamt 102 Startups, die im ersten Teil des Berichts auftauchen.
Aber was ist denn jetzt mit der so oft beschworenen Startup-City Berlin? Arm und sexy war gestern, heute ist man hipp und erfolgreich. Vielleicht haben wir ein wenig den Anschluss verpasst, aber wir sind bestimmt auf dem besten Weg aufzuholen. Genauso, wie als wir 2004 so schlecht bei der Europameisterschaft gespielt haben und danach Klinsmann und Jogi Löw alles anders gemacht haben und wir beim Sommermärchen 2006 und bei der Weltmeisterschaft 2014 es allen gezeigt haben, oder?
Das 4. Kapitel im Crunchbase-Report (ab Seite 28) gibt uns hoffentlich unsere Hoffnung und Zuversicht zurück.
Hier die Zahlen, bei denen verschiedene Regionen miteinander verglichen werden (als Regionen versteht der Report Städte (zum Beispiel Berlin, London, New York, Boston), Regionen wie das Silicon Valley, Länder (Israel, Indien, Australien) oder ganze Kontinente (Lateinamerika, Afrika etc.))

  • Betrachtet man die Anzahl der Finanzierungsrunden, liegt Berlin auf Platz 14 (an erster Stelle natürlich Silicon Valley, dahinter Indien, NY, London, LA, Boston, Israel, Seattle, Australien, Austin, Chicago, Washington, Paris und dann Berlin)
  • Bei der investierten Gesamt-Summe liegt Berlin auf Platz 9.
  • in Zahlen bedeutet das für Berlin knapp 2 Milliarden Dollar Investitionen (im Vergleich Investitionen Silicon Valley: 25 Milliarden Dollar (2015: 35 Milliarden) / Peking: 18 Milliarden / New York: 10 Milliarden / Boston: 4,5 Milliarden / London: 3,5 Milliarden / Seattle: 1,4 Milliarden /  Chicago: 1,2 Milliarden Dollar)

Zwar liegt Berlin weit hinter dem Silicon Valley – was aber auch zu erwarten war – dafür aber vor amerikanischen Städten wie Seattle und Chicago und gar nicht weit hinter Boston und London. Paris, zum Vergleich, liegt mit etwa 1 Milliarde Investitionen deutlich zurück. Klingt auf den ersten Blick gar nicht schlecht. Doch das sind nur die nackten Zahlen.
Nachdenklicher macht einen dann schon, wenn man sich die Berliner Startups, die dort im Crunchbase-Report gelistet sind, anschaut.
Die Kapitel zu den einzelnen Regionen teilen die Startups in vier Kategorien ein: bedeutende Finanzierungen, Akquisitionen, Unicorn-Bewertungen und Börsengänge.

Bedeutende Finanzierungen Berlin 2016:

  • GoEuro / Reiseplanungs-Plattform / 70 Mio Dollar
  • SoundCloud / soziale Musikplattform / 70 Mio Dollar
  • N26 / Mobile Banking / 40 Mio Dollar
  • Spotcap / Geschäftsdarlehen / 35 Mio Dollar
  • Lamudi / Immobilienplattform / 31 Mio Dollar

Berliner Unicorn-Bewertungen Berlin 2016 (bewertet mit mehr als 1 Milliarde Dollar)

  • Delivery Hero / Essenslieferung / 3,1 Milliarden Dollar
  • HelloFresh / Essenslieferungen / 3 Milliaden Dollar
  • AUTO1Group / Auto Markplatz / 1,1 Millarden Dollar
  • Home24 / Möbel-Online Shop / 1 Milliarde Dollar

Das ist die Spitze des Berliner Startup Hypes: 2 mal Essenliefer-Startups, zwei E-Commerce Startups für Möbel und Autos, eine Musikplattform (deren Zukunft ungewiss ist) und noch vier weitere, bei denen es irgendwie um Online-Dienstleistungen geht.

Größere Startups aus Hightech, Forschung und Wissenschaft in Berlin nicht vorhanden

Kein einziges Unternehmen kommt aus dem Bereich Hightech, Wissenschaft und Forschung. AI, VR/AR, Genetik, die großen Zukunftsfelder – Fehlanzeige bei den größeren Startups in Berlin. Eine bedeutende Akquistion oder einen Börsengänge weist der Crunchbase Report für Berlin nicht aus.

Dass Berlin im Crunchbase-Report kein einziges, wichtiges Startup aus Hightech, Wissenschaft und Forschung vorweisen kann, ist natürlich nur ein Teil der Wahrheit, denn gerade Seed-Finanzierungen in solche Unternehmen haben meist ein geringes Volumen und für Biotech Startups ist in Deutschland München der bedeutendere Standort. Im Portfolio des High-Tech Gründerfonds, der auch in Berlin investiert, finden sich einige Wissenschafts-Startups, die aber alle in München beheimatet sind, so wie zum Beispiel Immunic oder Thermosome.

Jetzt könnte man zu dem Schluss kommen: alles gar nicht so wild, Berlin ist die kreative Hauptstadt für E-Commerce Startups und die Heimat der Wissenschaft-Startups ist halt München. Was ist schon schlimm daran? Ein erneuter Blick auf die Zahlen im Report offenbart aber eine unangenehme Wahrheit, die eigentlich schon lange bekannt ist, aber die man immer mal wieder gerne vergisst: andere Regionen und Städte spielen was Wissenschaft und Technik-Investitionen angeht inzwischen in einer ganz anderen Liga.

Bedeutende Wissenschafts-Startup-Finanzierungen in Boston:

Bedeutende Wissenschafts-Startup Akquisitionen in Boston:

  • Padlock Therapeutics (Pharmazie / 600 Mio Dollar)
  • Tensha Therapeutics (Biotech / 525 Mio Dollar)
  • Epiva (Biotech / n/a)

Und insgesamt 9 Börsengänge von Biotechunternehmen (S. 39 Report) mit einem Volumen zwischen 15 Mio (Spring Bank Pharmaceuticals) und 165 Mio Dollar (American Renal Associates Holding / Diabetes).

Da sind wir in Deutschland meilenweit von entfernt. Die oben erwähnten Investitionen in deutsche Biotech-Startups bewegen sich meistens im niederen 1-2 stelligen Millionenbereich. Warum dieser Unterschied so groß geworden ist, kann man in dem schon oben erwähnten Interview meines Kollegen Sascha Karberg in Brand Eins mit Dietmar Hopp und Friedrich von Bohlen und Halbach, dem Chef der dievini Beteiligungsgesellschaft, nachlesen.

Wissenschafts- und Tech Startups in Deutschland spielen nur 3. oder höchstens 2. Liga im globalen Vergleich

Um den Fussball-Vergleich von oben nochmal zu bemühen: Deutschland ist bei Wissenschafts- und Tech Startups 3. oder höchstens 2. Liga, die anderen Regionen wie Boston oder das Silicon Valley dagegen Bundesliga mit Champions-League Platz. So könnte man den Crunchbase-Report in einem Satz verkürzt zusammenfassen. In den nächsten Wochen wollen wir weitere Artikel hier auf wunderding.co veröffentlichen, um ein genaueres Bild der Lage, Zukunftsaussichten und mögliche Wiederaufstiegspläne liefern zu können.

 

 

 

 

 

 

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